Text 24
Klänge der Nacht
Er begann zu spielen. Wie an jedem Abend seiner langen Tour und immer zur selben Zeit, oder besser gesagt, immer im selben Moment, wenn die Dunkelheit einsetzte. Dann löste Herr Nagy seine Hände vom Lenkrad, schüttelte sie einmal kräftig und legte die Fingerspitzen auf den oberen Rand des Lenkrads. Béla Bartóks »Klänge der Nacht« ertönte auf dem Lenkrad. Bartóks Nachtmusik wurde sein Abendritual gegen die Müdigkeit, mit der er auf seinen LKW-Touren entlang der E85 täglich zu kämpfen hatte. Um seinen Kreislauf zu aktivieren und nicht auf dem Fahrersitz in den Schlaf zu sinken, so, wie die Finger in die Klaviatur, schlug er die oft nah beieinander liegenden Töne sehr fest. Dabei trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Zum einen, um voranzukommen und zum anderen, um auch die Blutzirkulation im Fuß anzuregen. Für Bartók war das Pedal ganz rechts, das Fortepedal, ebenfalls von großer Bedeutung. Mit ihm konnte man die Töne lauter, voller und weiter klingen lassen. Weiter wollte auch Herr Nagy trotz großer Müdigkeit. Er hatte noch gut tausend Kilometer Fahrt vor sich. Die Straßenlaternen hatten sich eingeschaltet. Von ihnen gab es viel zu wenige auf dieser gefühlt endlosen Strecke. Herr Nagy sah das nächste Laternenlicht in weiter Ferne. Es wurde immer größer, je näher er ihm kam. Es war rund wie der Mond und Herr Nagy stellte sich vor, wie es wäre, hätte die Erde zwei Monde. Direkt nebeneinander. Sie wären wie Zwillinge, den einen gäbe es nicht ohne den anderen und wo der eine ist, wäre auch der andere. Die Nächte wären viel heller, dachte er. Und vielleicht wären dann die vielen Straßenlaternen nicht mehr nötig. Aber was wäre mit den Gezeiten der Meere, der Ebbe und der Flut. Fielen sie stärker aus, müssten die Strandurlauber die Hälfte ihrer Urlaubszeit damit verbringen, auf das Wasser zu warten oder neutralisierten sich Ebbe und Flut und nähmen sich gegenseitig ihre Existenz. Herr Nagy fand keine Antworten darauf. Die beiden Monde wurden immer größer. So groß, dass er die vielen Krater auf ihnen erkennen konnte. So groß und mit einer Leuchtkraft versehen, dass sie ihn blendeten. Er trat auf die Bremse, auf das mittlere Pedal, und ein lautes Hupen, das nicht mehr aufhörte zu klingen, setzte ein. Herr Nagy packte das Lenkrad fest mit beiden Händen. Das Blut zirkulierte in seinen Händen, in den Armen, im ganzen Körper. Er war hellwach und riss das Lenkrad nach rechts, zurück auf seinen Fahrstreifen, den er offenbar im Sekundenschlaf verlassen hatte. Von beiden Monden, die sich als Scheinwerfer des Gegenverkehrs herausstellten, geblendet, zog er den LKW soweit nach rechts, dass er von der Fahrbahn abkam und die vom Straßenrand abfallende Böschung hinabstürzte.
Die Aufprallstelle glich einem der Mondkrater, die er kurz zuvor noch selbst deutlich sehen konnte.
Einmal im Jahr werden dort frische Blumen abgelegt.