Text 5
Bagnères-de-Luchon - Fleurance
»Sie kommen«, rief Cecile und kletterte vom Apfelbaum herunter. Es war der heißeste Tag des Jahres und wir hatten uns ein schattiges Plätzchen gesucht. Während ich im Gras ruhte, war Cecile bis in die Krone des Apfelbaumes gestiegen. Sie hielt Ausschau nach Ausreißern und blickte dabei in die Sonne, die den ganzen Tag träge an der gleichen Stelle am Himmel hängen blieb. Sie hatte die Hoffnung auf ein schattiges Plätzchen am Himmel bereits mittags aufgegeben.
»Hier«, sagte Cecile und reichte mir einen Apfel. Er war blass, fast weiß, mit vielen roten Flecken. Er glich dem Trikot des Führenden der Bergwertung. Ich biss ab. Er schmeckte sauer, war offenbar noch nicht reif. Diese Etappe ist keine für Bergspezialisten, dachte ich und warf den Apfel mit sauer verzogenem Gesicht ins Gras. In dem Moment hörten wir das Hupkonzert der herannahenden Motorräder. Die Kamera- und Begleitwagen dienten als Vorboten der Ausreißer. Sie befreiten die Straßen von den säumenden Zuschauern und kündigten die mutige Spitze des Teilnehmerfeldes an. Unsere Aufregung stieg. Nie zuvor hatte ich die berühmten Rennfahrer der Tour de France aus dieser Nähe gesehen. Ich malte mir ihre Gesichter aus, die von der Sonne gezeichnet, all die körperlichen Anstrengungen der langen und harten Fahrt auf dem Asphalt verbissen und kämpferisch zum Ausdruck brachten. Den Franzosen sagte man markante Gesichtszüge nach. Ich dachte an Schauspieler wie Jean Marais oder Charles Denner, Männer mit Kanten im Gesicht. Felskanten, abgebrochen in den Pyrenäen, aus denen die heutige Etappe in die Ebene herab zu uns führte. Wir machten einen Schritt vom Feld auf die Straße, damit wir die Rennfahrer besser sehen konnten. Sie kamen die endlos scheinende Straße schnurgerade auf uns zu gefahren. Die Körper waren dünn, nicht breiter als die Rahmen ihrer Rennräder. Striche in der Landschaft hielten auf uns zu. Ich kniff meine Augen zusammen, um die Gesichtszüge der Fahrer trotz der blendenden Sonne studieren zu können. Doch je näher sie auch kamen, ihre Gesichter blieben verschwommen. Statt felsigen, schroffen Kanten, fuhren vom Gegenwind geschliffene Visagen an uns vorbei. Profillos, wie ihre Reifen nach einhundertfünfzig Kilometern Jagd auf heißem Asphalt. Nur Laurent Fignon erkannten wir im Verfolgerfeld schon von weitem. Seine Brillengläser spiegelten das Sonnenlicht.