Text 16
Die Wüste
„WÜSTE. Ausstellung unseres großen Malers Ernst Konopka. Vernissage: Freitag, 11. November, 19 Uhr. Städtisches Museum.“
Er wechselte die Straßenseite. Das tat er jedes Mal, wenn er auf ein Plakat oder eine Litfaßsäule stieß, worauf die große Ausstellungseröffnung des Malers Ernst Konopka beworben wurde. Die Flucht vor dieser Ausstellung gestaltete sich schwierig. Nicht nur, weil er selbst der Maler Ernst Konopka war, nein, die ganze Stadt hing voll mit Plakaten und Ankündigungen. Alle Bewohner sind stolz auf ihren Sohn, der hier vor langer Zeit das Licht der Welt erblickte. Und dieser Sohn hatte seiner Heimatstadt nach seinem großen Ausstellungserfolg im Kunstmuseum der Hauptstadt eine eigene Ausstellung zugesichert.
Seit Wochen hat das Städtische Museum mehr als die Hälfte aller Ausstellungsräume für die Besucher gesperrt. Herr Stettinius, Kurator des Museums, ruft den Maler Konopka fast täglich an, entschuldigt sich höflichst, seine Nachfrage, wann mit den ersten Werken im Hause zu rechnen ist, sei jedoch von größtem städtischen, wie auch persönlichen Interesse. Er werde Räume und Bilder aufeinander abstimmen müssen, um einen harmonischen Faden durch die Ausstellung ziehen zu können und dies benötige auch seine Zeit. Gewiss nicht die Zeit, die das Schaffen eines Gemäldes von Qualität in Anspruch nimmt, aber auch die Planung und Umsetzung einer großen Ausstellung sei, gewissermaßen, eine Kunst.
Auch ohne die täglichen Worte des Herrn Stettinius kannte Ernst Konopka den Druck, die Werke frühzeitig fertig haben zu müssen. Dabei sorgte ihn weniger die Planungssicherheit der Museen, vielmehr benötigten die mit Ölfarbe angefertigten Gemälde eine gewisse Zeit zum Trocknen. Und ausgerechnet für die große Ausstellung in seiner Heimatstadt hatte sich Ernst Konopka bei der Zusage mit der Trockenzeit der neuen Werke, vermutlich im Rausch der Euphorie, verschätzt. Und die Arbeiten, die getrocknet, also ausstellungsfertig waren, entsprachen nicht seinen Vorstellungen. Sie waren Proben, Spielereien mit neuen Gelbtönen, die er gemischt hatte. Die Werke missfielen ihm, sie stellten für ihn eine Phase der Leere dar. Eine Leere an Ideen und Leidenschaft. Aber es waren ja nur Proben. Aufgrund der fehlenden Zeit, und den täglichen Anrufen des Kurators, sah sich der Maler gezwungen, dem Kurator Stettinius diese gelben Spielereien als Exponate für die Ausstellung zu präsentieren. Als die Bilder im Städtischen Museum eintrafen, konnte sich Herr Stettinius nicht mehr zurückhalten vor Freude. Endlich waren sie in seinem Besitz. Endlich konnte seine Kunst beginnen. Die Kunst des Fadenspinnens. Auch der Ausstellungstitel der Werke löste einen Sturm der Inspiration in Stettinius aus. „WÜSTE“. Unter diesem Begriff fasste Ernst Konopka die einundzwanzig Ausstellungsstücke zusammen. Einundzwanzig Spielereien, Versuche in Gelb. Für den Maler war die Arbeit mit der Abgabe der Werke vorbei, während für Herr Stettinius die Ausstellung jetzt erst begann.
Bis zum Abend der Vernissage fiel Ernst Konopka in ein tiefes Loch. Er fühlte Leere und Einsamkeit. Eine Leere, wie auf seinen gelben Bildern. In einer Wüste, wo weit und breit nur Sand existiert, was kann es dort auch sonst geben außer Leere und Einsamkeit?
Der Abend des 11. November brach an. Um die Rede brauchte sich Ernst Konopka keine Sorgen machen, Herr Stettinius würde ihm nicht viel Raum für Worte bieten. Herr Stettinius liebte die Moderation, genauer gesagt die Aufmerksamkeit, die er damit erlangen konnte. Konopka war es ganz recht, er wünschte sich am Abend der Vernissage lieber in eine ferne Wüste, als hier im Museum seine Werke, die eigentlich keine Werke waren, vor allen Kritikern und dem Publikum präsentieren und Rede und Antwort stehen zu müssen. Aber Stettinius machte einen guten Job an diesem Abend, obwohl keiner der Gäste von der Gestaltung der Ausstellung so fasziniert war, wie Stettinius selbst. Ganz im Gegenteil, manche Besucher waren erbost über die vielen Sandflächen im Museum. Herr Stettinius hatte den Sand extra von den Spielplätzen der Stadt, sogar von zwei Kindergärten heran karren lassen, um das Thema Wüste im Museum greifbarer, erlebbarer zu gestalten.
Im Laufe des Abends legte sich die Aufregung der Eltern, die unter den Gästen waren, schließlich ging es hier um ihren Maler Ernst Konopka. Und von dessen Werken zeigten sich die Kritiker begeistert. Diese Leere auf den Bildern sei ein gelungener Kontrast zu den lebendigen Werken, die kürzlich noch in der Hauptstadt zu sehen waren. Bewusst hätte Konopka so den Gegensatz zwischen Groß -und Kleinstadt dargestellt, sagten die einen. Andere Kritiker legten die Werke in seiner Heimatstadt biografisch aus. Die vielen Badeseen mit ihren feinen Sandstränden vor den Toren der Stadt wären die Grundlage der Bilder. In seiner Kindheit sei er oft mit der Familie an einem der Seen gewesen und habe, wie jedes Kind, glücklich im Sand gespielt. Herr Zirkel vom Abendblatt sah es ähnlich und vermutete die Sehnsucht nach Urlaub als Motiv. Dagegen führte Herr Klobke vom Morgenecho die frühere Mangelwirtschaft im Städtchen als treibenden Gegenstand der Wüstenbilder an.
Während Herr Stettinius das positive Klima unter den Kritikern genoss, eine schönere Bestätigung für die Gestaltung seiner Ausstellung hätte es nicht geben können, schwieg der Maler Ernst Konopka. Er schwieg zufrieden, lauschte den Gesprächen der Kritiker und antwortete ihnen ab und zu mit skeptischen Blicken, die wiederum die Kritiker zufrieden stellten, konnten sie doch daraus wieder Ungesagtes deuten und würden weit ausholen können in ihren Kritiken.
Nur einige Besucher verließen die Vernissage unzufrieden und mit etwas Sand in den Schuhen.