Text 10

 Das gleichschenklige Dreieck


Die Schönheit der Mathematik hatte ich erst spät begriffen. 

 Zu Schulzeiten dachte ich mir, was gibt es schon Interessantes an Quadraten, Parallelogrammen, Trapezen oder Dreiecken. Das waren für mich einfache Linien mit Winkeln, die man beliebig errechnen konnte, je nach vorhandenen Werten, wie zum Beispiel die Länge der Seiten.
Die Leidenschaft und Begeisterung, mit der mir mancher Mathelehrer versucht hatte, die Berechnungen zu lehren, konnte ich als Schüler nie nachvollziehen.
Erst als Erwachsener lernte ich Dreiecke und deren Seiten zu schätzen. Ich entwickelte sogar eine Leidenschaft für gleichschenklige Dreiecke. Eine Leidenschaft, die jedoch von anderer Natur war als die meiner Mathelehrer.
Alles begann mit der rechten Schulterpartie meiner Freundin. Drei kleine Muttermale empfingen meine Lippen, die sich, vom Hals ablassend, zu den Schultern vortasteten. Vom ersten Muttermal aus führten beide gleichl angen Seiten, die Schenkel, abwärts zur Basisseite c. Die sich gegenüberliegenden, gleich langen Seiten hatten das Maß einer Kusslänge. Eine Kusslänge ergab sich aus dem Abstand vom oberen Rand meiner Oberlippe zum unteren Rand meiner Unterlippe im geschlossenen und zum Kuss gespitzten Mund. Mathelehrer beschreiben diesen senkrechten Abstand als Höhe. Sorgfältig prüfte ich, wie in der Schule gelernt, mein Ergebnis. Jede Kusslänge kontrollierte ich mit meinen Fingerspitzen nach. Die Fingerspitzen zogen, einem Bleistift gleich, eine Linie, die meine Augen, wie ein Lineal, vermaßen. Diese Genauigkeit, diese zweite Überprüfung der Lösung, war mir sehr wichtig. Und auch meiner Freundin. Sie legte großen Wert darauf, dass ich ihren Körper, mit all seinen Formen, genauestens vermesse.
So führte der Weg zum zweiten gleichschenkligen Dreieck vorbei an zwei Kreisen, deren Umfänge nach gründlicher Prüfung nicht exakt gleich groß waren. Egal wie oft ich dieses Ergebnis auch prüfte, es kamen jedes Mal zwei verschiedene Werte heraus. 

Nach einiger Zeit ließ ich die beiden kreisförmigen Erhebungen hinter mir, natürlich nicht ohne mich noch einmal zu ihnen umzudrehen, und näherte mich einem kleinen Hügel. Dieser Hügel war bereits Teil des zweiten gleichschenkligen Dreiecks, denn er lag auf der Basisseite c. Von hier oben gab es einen traumhaften Ausblick auf das, was nun vor mir lag: die Bucht meiner Träume. 

 Von den Enden der Basisseite führten beide Schenkel körperabwärts aufeinander zu. Doch kurz vor ihrer Zusammenkunft, mündeten sie in die Innenschenkel meiner Freundin. Vom Hügel aus glich diese Mündung einer idyllischen Bucht. Die Innenschenkel luden Boote ein, hier an einer seichten Stelle Anker zu setzen und die Schönheit und Geborgenheit der Natur zu genießen. Auch ich tat dies. Ich ging von Bord, tauchte ein, vermaß die Schenkel mit meinen Lippen und Fingerspitzen. Die Schenkel des Dreiecks und die Innenschenkel der langen, nicht enden wollenden Beine meiner Freundin. Ein leichter Wellenschlag brachte ein Boot zum Schaukeln. 

 Erschöpft vom Vermessen und Nachprüfen, glitt ich mit einer halben Gesichtslänge, so lang waren die Schenkel des Dreiecks, in die Bucht und schlief langsam ein.