Text 6
In Begleitung
Der Winter steht vor der Tür. Und bekanntlich kommt er nie allein. Kälte, Nässe, Frost und Schnee heißen seine treuen Begleiter. Bereits im Herbst entsenden sie Vorboten, deren Adressat allzu oft ich war. Gestern, müssen Sie wissen, überraschte mich eine Sturmböe auf dem Weg zur Straßenbahn. Ich war, wie an jedem Freitagabend, auf dem Weg ins Café „Eitel“, als mir hinter einer Hausecke eine Sturmböe auflauerte und den Hut vom Kopf stieß. Sie ließ nicht ab von mir und meinem dünnen Mantel und verfolgte mich durch die Straßen bis zur Haltestelle, an der die Linie 9 nur noch auf mich zu warten schien. Einen Augenblick später warnte das Abfahrsignal alle Fahrgäste und die, die sie noch werden wollten, vor dem Schließen der Türen und der unmittelbar bevorstehenden Abfahrt. Ich gab der Straßenbahnfahrerin ein Zeichen, winkte ihr mit meinem Fahrschein zu, den ich beim Laufen aus meiner Manteltasche geholt hatte. Sie antwortete mit einem Lächeln und ich sah, dass die vordere Tür des ersten Wagens geöffnet blieb. Erleichtert setzte ich vor den Augen der anderen Fahrgäste einen Fuß auf die erste Treppenstufe, die in den alten Tatra-Wagen führte. Bevor ich den zweiten Fuß in den Wagen setzte, hielt ich inne und drehte mich ein letztes Mal um. Ich wollte mich vergewissern, die Sturmböe endgültig abgehängt zu haben. Doch mein triumphierendes Grinsen, das ich den anderen Fahrgästen darbot, verabschiedete sich genauso schnell, wie mein linker Fuß von der Treppenstufe des Wagens. Sie war wieder da, überraschte mich erneut. Dieses Mal lauerte sie nicht hinter einer Hausecke, dieses Mal schlich sie sich vom letzten der drei Wagen an. Sie nahm Anlauf, zog mich von der Treppe auf die Straße und riss mir zu allem Übel den Fahrschein aus der Hand. Ich fiel zu Boden. Ein alter Mann half mir auf die Beine, reichte mir meinen Hut und erkundigte sich nach meinem Befinden. Doch ich hatte keine Zeit ihm zu antworten. Meine Augen, müssen Sie wissen, fixierten einen kleinen, hellen Gegenstand in der Luft. Die Sturmböe ließ meinen Fahrschein hoch über dem Dach der Straßenbahn tanzen. Er glich einem Schmetterling, einem Zitronenfalter, der mit zwei, drei Flügelschlägen an Höhe gewann. Dann begann er zu stottern und fiel, als wäre sein Motor defekt oder hätte Aussetzer. Ich schöpfte Hoffnung, meinen Fahrschein auffangen und die Fahrt damit fortsetzen zu können, obwohl sie für mich gewissermaßen noch gar nicht wirklich begonnen hatte. In dem Moment ertönte das Signal der alten Tatra, die Türen schlossen und die Linie 9 fuhr ab. Der Zitronenfalter erschrak und hob mit ein, zwei Flügelschlägen ab, begann wieder zu stottern und taumelte wie benommen auf das Nachbargleis zu, wo genau in dem Moment die Linie 4 einfuhr. Fast ohnmächtig pendelte er herab und glitt durch ein offenes Fenster in den mittleren Wagen der Linie 4, die an der gegenüberliegenden Haltestelle zum Stehen kam. Schnell umlief ich die Straßenbahn und stieg in den mittleren Wagen ein. Das Abfahrsignal ertönte und die Türen schlossen. Die Bahn fuhr mit einem heftigen Ruck an. Ich griff nach der Stange über mir, die unterhalb der Decke durch den ganzen Wagen verlief und hielt mich fest. Meinen Körper zog es entgegen der Fahrtrichtung nach hinten und so stand ich schief in der Bahn, wie der berühmte Turm in Pisa. Doch in dieser Position erblickte ich ihn, meinen Fahrschein. Er lag da, mitten auf dem Boden, völlig erschöpft und regungslos. Als die Bahn ruhiger fuhr, ließ ich die Stange los und näherte mich ihm vorsichtig. Ich wollte ihn nicht erschrecken und riskieren, dass er wieder davonfliegt. In der Bahn herrschte absolute Stille. Die Fahrgäste starrten mich an. Sie hatten offenbar noch nie jemanden zuvor gesehen, der sich so unauffällig an einen auf dem Boden liegenden Fahrschein annähern konnte, wie ich. Dann blickten sie zu meinem Fahrschein. Würde er im letzten Moment wegfliegen? Ich entdeckte ein Fenster, das noch geöffnet war und schaute den Jungen an, der unter dem Fenster saß. Die Sturmböe sollte mich nicht noch einmal überraschen. Der Junge hatte meinen Blick verstanden und schloss das Fenster. Ich nahm meinen Hut in die Hand und den Fahrschein ins Visier. Als ich ein kleiner Junge war, hatte ich bei jedem Jahrmarktbesuch Ringe geworfen. Dabei musste man nicht nur den Flaschenhals treffen, um zu gewinnen, nein, der Ring musste auch den hölzernen Untersatz, auf dem die Flasche stand, umschließen. Nur dann galt der Wurf als erfolgreich. Meine Erfolgsquote auf dem Jahrmarkt war durchwachsen, aber dieser Fahrschein sollte ein leichteres Ziel sein. Ich berechnete die Entfernung und holte Schwung. Ein letzter Augenkontakt mit dem Jungen. Er nickte entschlossen. Ich warf. Treffer! Der Hut hatte den Fahrschein vollständig umschlossen. Vorsichtig nahm ich den Hut hoch und hob den Fahrschein auf. Endlich hatte ich ihn wieder. Ich drehte ihn mehrmals um, betrachtete ihn von beiden Seiten. Er war unversehrt geblieben. Behutsam verstaute ich ihn am tiefsten Punkt meiner Manteltasche. Die Blicke der Leute, aus einem Auge Bewunderung ob der Souveränität meines Wurfes, aus dem anderen vielleicht eine Prise Gleichgültigkeit, ließen langsam von mir ab und ich suchte mir einen Sitzplatz. Ich war erleichtert. Aber es gab ein Problem. Ich saß in der falschen Straßenbahn. Statt zum Café „Eitel“, fuhr ich mit der „4“ über die Elbbrücken ans andere Ende der Stadt. Ich blickte aus dem Fenster. Die Dunkelheit setzte ein und auf den Sturm folgte der Regen. An meiner Fensterscheibe entsprang ein Fluss. Ein kleiner Nebenfluss gesellte sich zu ihm und speiste ihn mit Wasser. Dann ein zweiter, ein dritter und ein vierter. Immer mehr Zuflüsse ließen ihn zu einem reißenden Strom werden, der als riesiges Delta in die Seitenwand der Straßenbahn mündete. Aus den Lautsprechern des Wagens ertönte ein Rauschen, in das eine Stimme aus der Fahrerkabine die Endstelle ankündigte. Ich dachte nach. Eine Umkehr ins Café „Eitel“ lohnte sich nicht mehr. Zu lange würde ich mit der Bahn bis an die andere Seite der Stadt brauchen. Wir hielten. Ich ließ die immer weniger gewordenen Fahrgäste vor mir aussteigen. Zwei junge Frauen teilten sich einen Regenschirm und liefen schnell auf ein Haus zu, über dessen Eingang ein großes „M“ leuchtete. Das blaue Licht der Neonröhre wirkte bei Regen kräftiger und versprühte etwas Großstadtflair. Vor dem Restaurant „Monopol” wurden die beiden Damen von zwei Männern erwartet, die ihnen die Tür aufhielten. Die Begrüßung fiel kurz aus und sie verschwanden schnell ins Trockene. Ich folgte ihnen. Der Chef de Rang nahm mich an der Tür freundlich in Empfang und platzierte mich an einem kleinen Tisch am Fenster zur Straße. Er entfernte sich, um mir die Speisekarte zu holen. Meine Blicke folgten ihm durch das Restaurant. Das „Monopol“ erstreckte sich über zwei Etagen, die mittig durch eine Wendeltreppe verbunden waren. Säulen im Art déco-Stil stützten die hohen Decken, von denen die Kronleuchter erhaben über allen Tischen thronten. An den Wänden hingen große Spiegel. Sie ließen die schmalen Räume breiter und heller wirken. Der Chef de Rang kehrte mit der Speisekarte zurück. Am Tisch, den er neben der Wendeltreppe passierte, saßen die beiden jungen Damen aus der Straßenbahn mit ihrer männlichen Begleitung. Sie flüsterten einander zu und blickten zu mir herüber. Dann kicherten sie. Ich griff in die Manteltasche, holte meinen Fahrschein hervor und winkte ihnen damit zu. Sie prosteten mir mit ihren Sektgläsern zurück. Ich bekam Durst. Der Chef de Rang traf am Tisch ein und reichte mir mit einem grimmigen Blick die Speisekarte.
»La Cuisine de Ménage«, sagte er mit einem patzigen Unterton. Ich verstand kein Wort. Zögernd nahm ich die Speisekarte entgegen und blickte ihn fragend an.
»Hausmannskost«, antwortete er meinem Blick. Hatte er das Winken mit dem Fahrschein fälschlicherweise auf sich bezogen und war deswegen beleidigt? Ich wollte ihn besänftigen und bestellte, ohne länger zu zögern, ein großes tschechisches Pils.
»Sehr gern«, antwortete er in einem versöhnlichen Ton und verabschiedete sich zur Bar. Offenbar hatte ich die richtigen Worte gefunden. Das Pils war professionell gezapft. Exakt drei fingerbreit betrug die Höhe der Schaumkrone. Der Chef de Rang stellte das Bier auf den Tisch. Ich nahm einen Schluck und schaute aus dem Fenster. Zum Regen gesellten sich wieder stürmische Böen. Ja, der Winter stand vor der Tür. Seine Begleitung und Vorboten ließen nicht ab. Aber auch ich befand mich nun in Begleitung. Ich öffnete die Speisekarte wie einen großen Kleiderschrank, auf der Suche nach schützender Kleidung gegen die Nässe und Kälte vor der Tür. Die Speisekarte war kurz und übersichtlich gestaltet. Ich wurde schnell fündig in diesem gut geordneten Kleiderschrank. Mein tschechisches Pils wurde mein wärmender Schal, den ich bereits bei mir trug. Mit jedem Schluck wickelte ich mir diesen Schal einmal um den Hals herum. Einen wetterfesten Mantel hatte ich auch schnell gefunden und vom Bügel genommen. Der Chef de Rang hatte mich von der Bar aus beobachtet und trat zu mir. Er nahm meine Bestellung auf. Die Spezialität des Hauses: Eine halbe gebratene Ente, 100g Schweinebraten und 50g Bratwurst. Dieser Hauptgang sollte mich ausreichend wärmen, auch auf dem späteren Nachhauseweg. Nun galt es eine passende Hose zu finden, die Beilage zum wärmenden Mantel. Ich nahm die Kartoffelkrusteln vom Bügel und hielt sie mir an. Ich war nicht überzeugt. Der Chef de Rang zeigte auf den Bügel daneben. Ich nickte. Mit den Semmelknödeln als Beilage konnte ich nichts falsch machen. Sie passten perfekt zu den Fleischgerichten. Den Apfelrotkohl gab es dazu. Ich betrachtete mich im Spiegel und, wissen Sie, mir gefiel, was ich sah. Doch eine Kleinigkeit fehlte. Der Chef de Rang hatte alles notiert, da hob er den Zeigefinger:
»Darf es noch etwas zu trinken sein?«
Die Schuhe. Ich hatte noch keine passenden Schuhe ausgewählt. Die Schuhe waren das Fundament, auf dem ich später durch das Unwetter kommen musste. Sie sollten robust gegen jede Art Niederschlag und dennoch leichtfüßig genug sein, um tiefen Pfützen geschickt ausweichen zu können. Ich entschied mich für den „Grauen Mönch“, einen ungarischen Weißwein. Würzig und gehaltvoll, charakterisierte ihn die Speisekarte. Der Chef de Rang schloss den Kleiderschrank, bedankte sich und brachte die Bestellung zur Küche. Ich nahm einen Schluck von meinem Pils, wickelte mir den wärmenden Schal ein weiteres Mal um den Hals und schaute aus dem Fenster. Der Winter stand vor der Tür. Und bekanntlich war er nicht allein. Doch auch ich hatte meine Begleitung gefunden, musste mich nur noch etwas gedulden, hier im „Monopol“.