Text 23
Der Dirigent
Herr Wargos wusste, dass vieles von ihm abhing. An sechs Tagen in der Woche verließ er früh am Morgen das Haus und ging zur S-Bahn-Station. Mit dabei hatte er immer seinen schwarzen Aktenkoffer. Wenn Herr Wargos die S-Bahn-Station erreicht hatte und die Treppe zum Bahnsteig hochstieg, klimperte es nur so. Mit jeder Treppenstufe, die er nahm, klirrte und klimperte es in seinem schwarzen Aktenkoffer. Die Leute, die auf dem Bahnsteig warteten, schmunzelten schon, sobald sie Herrn Wargos sahen oder das Klimpern seines Aktenkoffers aus dem Treppengang vernahmen, noch bevor seine schwarzen Locken zu sehen waren. Auf dem Bahnsteig angekommen, stellte Herr Wargos seinen Aktenkoffer zufrieden neben sich ab. Einmal standen drei Herren in feinen, dunklen Anzügen neben ihm am Gleis. Jeder von ihnen trug ebenfalls einen schwarzen Aktenkoffer mit sich. Auch sie konnten sich ein Schmunzeln nicht verkneifen und begutachteten Herrn Wargos‘ Arbeitsbekleidung. Sie wunderten sich, was jemand in Blaumann, dunkelblauem Rollkragenpullover und brauner Kragenjacke mit einem Aktenkoffer wollte und vor allem, was dieser wohl hineingepackt hatte, dass es nur so klimperte. Herr Wargos nahm die Verwunderung und das Schmunzeln der Leute zur Kenntnis, verfiel darüber aber nicht in Groll und blieb stets freundlich. Kurz bevor die S-Bahn einfuhr, hörte er die Herren im Anzug über die neue Siedlung am Rande der Stadt reden. Neue Wohn- und Bürokomplexe würden dort hochgezogen, sowie Schulen und Kindergärten. Schon im Herbst sollen alle Gebäude bezugsfertig sein, würden die Arbeiten weiter so rasch vorangehen. Herr Wargos nickte zufrieden mit dem Kinn in seinen Rollkragenpullover. Er nahm seinen schwarzen Aktenkoffer und stieg in die S-Bahn, die an der Station eingetroffen war. Die Türen schlossen und die S-Bahn fuhr raus an die Peripherie der Stadt. Herr Wargos war Kranführer. Kranführer auf der Großbaustelle am Rande der Stadt, wo die neuen Wohnungen und Büros in Windeseile hochgezogen wurden.
Dort schmunzelte niemand, wenn Herr Wargos mit seinem Aktenkoffer eintraf oder man ihn schon von weitem durch das Klirren und Klimpern vernahm. Im Gegenteil, fast schien es, als bildeten die Arbeiter einen Spalier, durch den Herr Wargos, nicht ganz ohne Stolz, zu seinem Kran schritt. Sobald er an einem der Arbeiter vorbeiging, berührte dieser mit seinen Fingerspitzen den Helm, als salutierte er vor einem höheren Dienstgrad. Am Kran angekommen, setzte Herr Wargos seinen gelben Helm auf und schaute nach oben. Dreihundertfünfundachtzig Stufen lagen vor ihm. An guten Tagen nahm er sie in weniger als zehn Minuten. Gute Tage, das waren für Herrn Wargos Tage, an denen es windstill war und kein Regen einsetzte. An schlechten Tagen brauchte er doppelt so lange, wenn er mit seinem ganzen Gewicht (an guten Tagen sechsundneunzig Kilo) gegen den Wind und den Regen ankämpfen musste. Hatte er die Kabine des Krans erreicht, legte er eine zehnminütige Pause ein, um sich vom mühsamen Aufstieg zu erholen. Er setzte sich auf den Stuhl, nahm den schwarzen Aktenkoffer auf den Schoß und öffnete ihn. Er griff nach der Thermoskanne und goss sich Pfefferminztee in den Deckel, den er auch als Becher benutzte. Dann stellte er die Thermoskanne zurück in den Aktenkoffer und stieß dabei gegen die Brotdose und die zwei Bierflaschen, die ihm seine Frau jeden Tag einpackte, dass es nur so klirrte. Aber hier oben konnte das Klirren keiner hören und niemanden stören. In der Mittagspause trank Herr Wargos pünktlich um zwölf Uhr eine Flasche Bier. Die andere trank er erst zum Feierabend. Er wusste, dass vieles von ihm abhing. Wenn er den Arm des Krans in Bewegung setzte, die Betonplatten aufnahm und an der richtigen Stelle absetzte, glich der Kranarm dem Taktstock eines Dirigenten. Herr Wargos war der Dirigent dieser Baustelle. Wohin er auch den Kranarm oder vielmehr den Dirigentenstab zeigte, die dort sitzende Instrumentengruppe durfte ihren Einsatz nicht verpassen, musste im Takt bleiben. Und so dirigierte Kranführer Wargos die Großbaustelle am Rande der Stadt. Pünktlich zum Feierabend nahm er seinen schwarzen Aktenkoffer auf den Schoß, öffnete ihn und holte die zweite Flasche Bier heraus. Zufrieden mit dem Erreichten blickte er über die Baustelle und nahm einen großen Schluck. Dann dachte er an die drei Männer mit ihren feinen Anzügen und schmunzelte. Schon bald würden sie hier am Rande der Stadt ihre neuen Büros beziehen und vielleicht auch einige der vielen neuen Wohnungen. Herr Wargos wusste, dass vieles von ihm abhing.