Text 20

 Kritik


Ein kleiner Fluss schlängelt sich gemütlich durch den Park. Liebevoll malt er seinen Lauf, zur großen Verärgerung des Himmels, immer wieder mit frischer blauer Farbe nach. Damit das Blau nicht über die Ufer tritt, die Wiesen nicht unter Wasser stehen, führt der kleine, nur drei buchstabenbreite Fluss einen schmalen Pinsel vorsichtig durch sein Bett. Dieser treibt ein rundes Lindenblatt vor sich her, auf dem zwei Käfer sitzen. Sie wollen zum anderen Ufer übersetzen und nutzen das Blatt als Fähre. Doch nun steuern sie, vom Pinsel getrieben, flussabwärts auf den letzten Bogen zu, den die schmale Ilm in ihrem Lauf schlägt, bevor sie dem Park »Leb’ wohl« sagt. Am Wendepunkt des Bogens ragt eine einsame Pappel über die Sträucher und Büsche am Ufer. Wie ein Leuchtturm weist sie der Fähre von weitem den Weg und warnt zugleich vor dem nahenden Ufer. Dort sitzt, gut versteckt, ein junger Buchfink in einem Busch und singt seine ersten Lieder. Die vielen schiefen Töne dienen den Käfern auf der Fähre als zusätzliches Warnsignal, wie ein akustisches Leuchtfeuer eines Leuchtturms, das die großen Schiffe auf den Weltmeeren vor den felsigen Küsten und ihrem sicheren Untergang warnt. Plötzlich bricht der Buchfink seinen Gesang ab. Er stürzt aus seinem Versteck im Busch und fliegt so schnell er kann in die Krone der Pappel. Angespannt neigt er seinen Kopf zur Seite. Vom höchsten Punkt des Parks aus beobachtet er nun eine junge Familie, die sich mit ihren Fahrrädern dem Wendepunkt des Flussbogens nähert. Die Kinder der Familie hatten mit den Fahrradklingeln unüberhörbar ihren Endspurt eingeläutet und mit dem Lärm den Buchfink verschreckt. Aus sicherer Höhe verfolgt er das Wettrennen der beiden Kinder und sieht sie auf das kleine Gartenhäuschen zufahren, das sich unweit der Ilm befindet. Goethes Gartenhaus. Wie im Märchen von Dornröschen, das in einen hundertjährigen Schlaf fiel, stehen die Kinder mit ihren Rädern, wie einst der Prinz mit seinem Gaul, vor einem beinahe lückenlos zugewachsenen Tor. Von beiden Seiten des Tores strecken sich die Rosenbüsche ihre Zweige einander zu, als wollten sie sich mit ihren Fingerspitzen berühren, um sich Stück für Stück greifen und zusammenwachsen zu können. An den Wänden des Gartenhäuschens klettern unaufhörlich die Rosen empor. Man könnte ihnen unterstellen, Goethes Anwesen mit einer Decke aus Rosen in einen hundertjährigen Schlaf legen zu wollen.
Wohin die Blicke auch führen, man sieht es in allen Ecken, im Garten und am Haus - hier hat das Universalgenie schon lange nichts mehr getan.