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 Letzte Runde


Das Jahr lag in seinen letzten Minuten. Der 31. Dezember hatte, wie an jedem 31. Dezember, alle Tage des Jahres zur Silvesterfeier ins Restaurant „Vier Jahreszeiten“ eingeladen. Auch dieses Mal folgten ausnahmslos vom 1. Januar bis zum 30. Dezember alle Tage der Einladung. Gewöhnlich wurden die Gäste an vier langen Tafeln platziert. An die erste Tafel die Tage des Frühlings, an die zweite die des Sommers, an die dritte die des Herbstes und an die letzte Tafel die Wintertage. Doch für dieses Jahr hatte sich der 31. Dezember für die Sitzordnung etwas Besonderes überlegt. Ganz links an der ersten Tafel mussten die Tage des Sommers Platz nehmen, daneben die des Winters. Dann kamen die Tage des Frühlings und ganz rechts saßen die Herbsttage. Der 31. Dezember dachte sich, so könnten die Tage des Sommers endlich die Tage des Winters kennenlernen. Im Laufe eines Jahres hatten die Sommertage doch nur Kontakt zu den Tagen des Frühlings und des Herbstes, den Jahreszeiten also, die direkt vor oder hinter dem Sommer lagen. Und die Tage jenes Herbstes lernten endlich die Tage des Frühlings kennen. Sie waren sonst nur von all den Sommer- und Wintertagen umgeben. Mit dieser ausgeklügelten Sitzordnung sollten sich alle Tage der vier Jahreszeiten besser kennenlernen, vor allem jene, die sich im Verlauf eines Jahres nie begegnen würden. So kam es an diesem Abend, dass der Volkstrauertag und der Totensonntag dem 1. April über den Weg liefen. Sie grüßten ihn mit trüber Miene und ahnten nicht, wem sie da begegnet waren. Der 1. April aber rieb sich die Hände und dachte: 

 »Die beiden traurigen Gestalten können sicher einen Spaß vertragen.« Und während sich der 1. April einen Streich für die beiden überlegte, rannte der 1. Januar ganz aufgeregt durch die Reihen der Tafeln. Ein Blick auf die Uhr verriet, die letzte Minute im alten Jahr brach an. Es wurde unruhig im großen Saal. Zigarettenrauch zog von der Tafel der Herbsttage wie Nebelschwaden durch den Saal und der 31. Dezember läutete eine Glocke. Alle Blicke waren auf ihn, beziehungsweise in Richtung der Glockengeräusche gerichtet, denn der Zigarettenrauch breitete sich immer weiter aus und verhüllte alle Tafeln samt den Gästen. Man konnte sie nur noch durch lautes Husten wahrnehmen. Der 31. Dezember lehnte sich weit über den Tresen, wie der Wirt einer Kneipe, soweit es ihm sein Bauch erlaubte, und rief in den Nebel:        
»Letzte Runde!«