Text 11
Nowoslobodskaja
Ich betrat die Rolltreppe und mit ihr die Moskauer Unterwelt.
Nur wenige Augenblicke später mündete die Fahrt in vierzig Meter Tiefe in ein riesiges Schachfeld. Hunderte von grauen und schwarzen Feldern zierten in Form kleiner Quadrate den Granitboden des prunkvoll gestalteten Saals, der sich vor mir erstreckte. An den Decken hingen ellipsenförmige Kronleuchter, die mich an fliegende Untertassen erinnerten. Ich hatte das Gefühl, sie warteten auf den Befehl, sich endlich von ihren Ladestationen an den Decken lösen zu dürfen. Dann würden sie ihr grelles Licht bis ans Ende des Saals transportieren, flögen durch die Rundbögen der Marmorwände zu den Bahnsteigen und kehrten zu den Rolltreppen zurück. An den Marmorwänden, geschlagen im Ural, befanden sich Buntglasmalereien, die von innen ausgeleuchtet wurden. Sie wirkten wie bunt bemalte Kirchenfenster, durch die warme Sonnenstrahlen fielen. Diese farbenfrohe Metro-Station glich einer Kathedrale. Ich ging auf eines der bemalten Kirchenfenster zu. Es zeigte einen Pianisten, der auf einem Flügel spielt. Plötzlich stand er auf und verbeugte sich vor mir. Dann richtete er seinen Frack, setzte sich wieder an den Flügel und begann zu spielen. Die Musik von Rachmaninoff erklang. Der Pianist nickte mir noch einmal freundlich zu, bevor ich hinter dem nächsten Rundbogen ein weiteres Fenstergemälde betrachtete. Auf dem Bild saß ein Mann an einem Schreibtisch. Als er mich bemerkte, winkte er mich zu sich. Ich machte einen Schritt auf ihn zu. Der Mann zeigte auf den Globus, der auf dem Tisch stand und fing an, ihn zu drehen. Er drehte immer schneller. Der Globus hörte nicht mehr auf sich zu drehen und der Pianist begleitete die Szenerie mit einem Scherzo. Mir wurde schwindelig, in meinem Kopf drehte sich alles. Ich musste mich auf den Boden setzen und schloss meine Augen. Ich atmete tief ein und langsam wieder aus. Tief ein und, und dann ich hörte Schritte. Schritte, die auf mich zukamen. Die Absätze eines Schuhpaares schlugen immer lauter auf den Granitboden. Ich atmete aus und öffnete die Augen. Eine Dame in einem langen, schwarzen Abendkleid kam von D8 auf mich zu.
»Brauchen Sie Hilfe?«, fragte sie spöttisch. Ich wusste nicht, wie ich ihr begegnen sollte und stand wortlos auf. Dabei bemerkte ich, dass ich die ganze Zeit auf einem schwarzen Feld gesessen hatte.
»Sie müssen von hier verschwinden, sofort!«, setzte die Dame scharf nach. Sie führte mich unter strenger Aufsicht ihrer dunkelbraunen Augen durch einen der Rundbögen zum Bahnsteig. Aus einem Tunnel näherte sich Licht. Das Licht der letzten Linie 8 dieser Nacht.