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 Ich (Aus dem kurzen Leben eines Gänseblümchens)


Da stehe ich nun unter meinesgleichen und blicke unserem Untergang entgegen. Nicht einmal unsere Zungenblüten, die uns in der längsten Nacht vor der Umklammerung der Kälte schützen, vermögen uns Schild genug zu sein gegenüber dem, was da kommt. 

Wir sind mutig, fürchten kein Insekt. Wir sind tapfer wie die Stämme der Great Plains, tragen wie sie ihre Federn, den Kopfschmuck, um unsere Blütenkörbe herum. 

 Wen wir fürchten? Die Verliebten! Sie pflücken unsere Federn, unseren Kopfschmuck, einzig und allein um ihr Liebesglück auf die Probe zu stellen; er liebt mich, er liebt mich nicht, sie liebt mich, sie liebt mich nicht…
Und haben die Verliebten einander gefunden, gründen sie eine Familie. Dann besuchen sie unsere Wiesen mit ihren Picknickdecken und kleinen Kindern. Kinder verlieren nie das Interesse daran, uns zu zupfen. So finden wir uns später als Strauß in der Vase bei der Großmutter oder zusammengeflochten als Haarreif wieder. Einem Gänseblümchen passierte es sogar, dass es von einem Kind gezupft und am Stängel gepackt wurde. Dann drehte das Kind den Stängel mit seinem Daumen und Zeigefinger immer schneller werdend abwechselnd nach links und rechts, so als wolle es eine Uhr aufziehen, bis das Gänseblümchen das Bewusstsein verlor.
 
Die Hummeln und Bienen sind an einem Renntag oft von den farbenprächtigen Hüten der Damen auf der Tribüne abgelenkt und verlieren das Interesse an uns Gänseblümchen. Die Tribüne wird mit den unzähligen Farbtupfern zu einer bunten Wiese, nur, dass sich die Insekten auf ihr nicht von Blume zu Blume, sondern von Hut zu Hut bewegen. Und mit der sich ständig in Bewegung befindenden Menschenmenge gleicht die Tribüne einem impressionistischen Landschaftsgemälde von Renoir. Das Summen der Hummeln und Bienen wird durch das Tribünendach verstärkt und kann nur mühsam durch den Rennbahnkommentator und seine Lautsprecher übertönt werden. Dabei sind seine Informationen für uns von größter Bedeutung.
Wir standen wenige Meter vor der Ziellinie auf der Außenbahn, der Tribünenseite. Während eines Rennens konnten wir im äußeren Bahnfeld nur von den Hufen der Pferde getroffen werden, die zur Aufholjagd ansetzten und das Spitzenfeld am Streckenrand überholen wollten. Unsere Überlebenschance an einem Renntag war somit relativ hoch im Gegensatz zu der meiner Verwandten, die mittig oder sogar auf der Innenbahn standen.
Als die Pferde im neunten und letzten Rennen des Tages, acht Rennen hatten wir ohne großes Bangen, bis auf ein reiterloses Pferd im vierten Rennen, überstanden, in die Zielgerade einbogen, lagen noch etwa 400 Meter zwischen den herannahenden Hufen und uns Gänseblümchen am Ziel. Der Kommentator erhob seine Stimme und berichtete sekündlich über die Vorsprungslänge des in Führung liegenden Pferdes zu den Verfolgern und deren gewagten Überholmanövern, die sich immer wieder andeuteten, taten sich irgendwo im dichten Verfolgerfeld Lücken auf. 

 Es war schon spät am Nachmittag und an manchen Stellen auf der Rennbahn trafen bereits keine Sonnenstrahlen mehr ein. So manches Gänseblümchen ließ seinen Kopf hängen und glich einer gebogenen Straßenlaterne, die sich darauf vorbereitete, am Abend und in der Nacht das kleine Gässchen, in dem es schüchtern stand, auszuleuchten.

 Etwa 200 Meter vor dem Ziel nahm das Unglück seinen Lauf. Lady Margret, eine sechsjährige Stute aus Stettin, etwas kurzsichtig und mit Scheuklappen ins Rennen gegangen, setzte zum Endspurt an und brach auf die Außenbahn aus. Der polnische Jockey Jerzy Szubert musste sein ganzes Können aufbringen, um mit viel Beinarbeit die Kurzsichtigkeit der Stute auszugleichen. Die diagnostizierte Myopie führte zu einer Störung der Tiefen- und Distanzwahrnehmung, die Szubert über die gesamte Rennlänge von 2050 Metern immer wieder korrigieren musste. Er konnte sie vorbei an Mister Bonsai auf Platz zwei manövrieren. Von den Hummeln und Bienen war nichts mehr zu hören. Der Kommentator unterbrach sich auf den letzten 100 Metern des Rennens in jedem seiner Sätze selbst, da die Informationen, die er am Satzanfang gab, am Satzende schon nicht mehr aktuell waren. Die Zuschauer hielten ihre Wettscheine in den Händen und fieberten lautstark mit ihren Favoriten. Mister Bonsai fiel weiter zurück, Lady Margret schloss zum führenden Lord Henry auf, lag nur noch eine Kopflänge hinter ihm. Während der Hengst auf der Innenbahn an der Balustrade lief, verzichtete Jerzy Szubert darauf, Lady Margret über die Bahnmitte an die Balustrade zu ziehen, da er zusätzliche Meter sparen wollte. Wir hatten gehofft, dass Szubert mit Lady Margret auf die Innenseite zieht, um Lord Henrys Windschatten zu nutzen, bis sich dort im richtigen Moment die Chance bot, zu attackieren und an ihm vorbeizuziehen. Und die Gefahr, unter die Hufen zu kommen, wäre für uns gebannt gewesen.

Ob es Lady Margret noch geschafft hat, auf den letzten Metern an Lord Henry vorbeizuziehen, kann ich Ihnen leider nicht sagen. Der Lärm der jubelnden und fluchenden Zuschauer übertönte alles, was der Kommentator trotz Unterstützung seiner tapferen Lautsprecher auch versuchte. Erschöpft versank er in einem Bild von fliegenden Hüten und einem kurzen, aber heftigen Schauer  zerrissener Wettscheine.
Was ich Ihnen sagen kann, ist, dass Hufeisen nicht immer Glück bringen.