zeit, die sie eigentlich haben müssten


Im Bilde

In den Gärten von Pissarro,
aus den Vasen von Renoir
reiften Pinselspitzenblüten,
trieben Gräser Haar um Haar.

Auf den Feldern von Monet,
wo die Halme nur so sprießen,
zückt der Kritiker den Stift
und sein Tüchlein, um zu niesen.


Eine Empfehlung 

Der Ton macht die Musik,
die Töne eine Melodie.
Trifft man derer rechten nicht,
belässt man’s besser beim Gedicht.



 Smetanas Irrtum

Im Schaukelstuhl zurückgelehnt
lausche ich der Nadel Lauf.
Vorbei am Rauschen schwindet sie,
der Moldau Schicksal nimmt sie in Kauf.

Im Mondenschein sinfonieren
Nixen, Schlösser,
Böhmens Meer.
Es
bettet sich durchs Gold’ne Prag.
Ein Abschied ohne Wiederkehr.

Ihre Größe, ihre Fluten,
majestätisch sich ergießend,
tragen ihren Namen fort,
verschwiegen in die Elbe fließend.

Bliebe ihr Name von Wellen getragen,
hier pulsiere Europas schönster Strom!
Flösse vorbei am Dresdener Zwinger,
perle am
Felsen des Magdeburger Doms
.

Im Schaukelstuhl zurückgelehnt,
folge ich der Moldau Lauf.
Smetanas Werk nun unvollendet,
dies’ Schicksal nehme ich in Kauf.



Perm 

im speisewagen
einer langen reise
serviert einsam die zeit.
lider sinken
wie flocken in eine kalte, tiefe nacht.
ein kellner bietet brot mit schinken,
in der küche wird gelacht.

am fenster schöpfen tropfen
hoffnung. aus einem delta
nimmt ein fluss seinen lauf.
am ufer treiben morgenrote
polster einen kranich auf.

wolken weichen
einer langen reise.
wie schwäne aus stahl branden
kräne am beckenrand des hafens,
breiten ihre flügel
aus der großstadt strömt lärm.
im roten mantel empfängt sie ihn
am ende des kontinents.
perm.

    

                                
Puste nur

Im Winter warst Du nie mein Freund.
Oft hatte ich es glatt versäumt
mich warm vor Dir zu schützen.

Dem Herbst verleihst Du buntes Treiben,
lässt Drachen auf- und niedersteigen,
schiebst Schiffchen durch die Pfützen.

Und wenn die ersten Sonnenstrahlen
Schatten an die Ufer malen
lädt Frühling zum Spazieren.

Auch Sommer lädt die Menschen ein,
an unsrem Fluss zusamm‘ zu sein.
Du stellst Dich vor in leichten Brisen,
nimmst Fahrt auf über grünen Wiesen.
Kehrst zurück zum bunten Treiben,
holst tief Luft und lässt dann steigen
der Damen kurze Stoffe.
Und wirst mein guter Freund.



Sommertag 

Spatzen schwatzen fern auf Dächern,
Vanilleeis schmilzt in der Hand,
Damen stolzier’n mit ihren Fächern
am gut besuchten Elbestrand.

Vom Fischerufer ziehen Düfte
von Hering, Lachs und vier Forellen
über Dächer in die Lüfte,
Möwen treiben auf den Wellen.

Am Faßlochsberg freu’n sich die Mäuse,
der dicke Kater, der sie so mag,
lässt heute alles steh’n und liegen.
Es ist ein schöner Sommertag.




Übermorgen

Heute kommen sie zusammen,
die Räte uns'rer Heimatstadt.
In der alten Bahnhofstraße
reißen sie vier Häuser ab.

Die Müller, meine Nachbarin,
macht sich große Sorgen:
„Leute, die von gestern sind
entscheiden heut‘ für übermorgen!“

Der Weber (Parterre, erste links)
schiebt sich die Perücke
von links nach rechts, man sieht's ihm an,
er leidet unter dieser Lücke.

Herr Lieberknecht blickt vom Balkon
ratlos aufs Gemäuer und
kratzt, wo Weber nicht mehr kann,
"Der gute Rat, der wird hier teuer!"

Nur Mihatsch, bald ein Architekt,
pfeift triumphierend durch den Flur.
"Soll uns die Moderne holen!",
klingt es beinah wie ein Schwur.

Heute kommen sie zusammen
und morgen früh im Tagesblatt
erfahren wir von ihren Plänen.

Für die Zukunft uns'rer Stadt!

(Das wollten wir nur noch erwähnen)



Verzeih'

Im dunkelsten Moment der Nacht
läuft Tinte über meinen Boden.
Ich bin am Schreibtisch aufgewacht.
Schuld war der linke Ellenbogen.

Vor mir ruh’n intime Zeilen.
Ich schließe sie, ein letztes Wort.
Sie ist so schüchtern, prüd‘ bisweilen.
Ob das so bleibt? „…Adieu, Dein Kurt!“

…Und dann vergaß ich, zugegeben,
heute Nacht lief etwas schief,
den Brief an Ilse zuzukleben.
Jetzt ist er raus als off‘ner Brief!



Moment
(Abstand auf Zeit)

Augenblicke musst‘ ich warten,
dass du kehrst mit deinen zarten
Lippen auf die meinen zurück.
Bin ich im Glück,
bin ich im Glück?



Der Hirsch

Zwischen großen, alten Bäumen,
wenn der Tag wird langsam spät,
tritt scheu mit seiner stolzen Krone
hervor des Waldes Majestät.

Zwischen großen, alten Bäumen
legt sich früh schon auf die Pirsch,
der Jäger mit dem grünen Hute,
um zu schießen diesen Hirsch.

Zwischen Rotkohl, Preiselbeeren,
Klößen in der trauten Runde,
ist des Waldes Majestät
nun in aller, vollen, Munde.



Am Spiegel

Was ich sehe
macht mich stolz
Mein Gegenüber
umrahmt von Holz
trägt die feinsten Stoffe

Kein Makel da
so sehr man siebt
Mein Gegenüber
scheint höchst beliebt
bei Frauen (ja ich hoffe)

Es klopft
mir gegenüber
noch ehe ich verneine
tritt ins Bild die Zofe ein
(erst mit dem schönen Beine)

Verzeiht mein Herr
ganz gewiss
der Spiegel hat so seinen Nutzen
vergaß ich nur
Sie sehn's mir nach
seit Tagen ihn zu putzen



Am Becken

An einer großen, langen Scheibe,
da! über der antiken Vase,
klebt ein Wels mit seiner Frau
und außen meine Nase.



Was man über Eisbein wissen muss

Wo die Elbe macht ‘nen Bogen
nicht um die Stadt, das wär’ gelogen,
da liegt Magdeburg.

Wo der Hassel wird zum Stern,
wo man trinkt Prozente gern,
da liegt Magdeburg.

Wo im Stadtpark grünt das Grün,
wenn die Landschaften im Osten blüh’n,
da liegt Magdeburg.

Wo der Dom kratzt an den Wolken
schiebt sie weg, man hört’s nur läuten,
da liegt Magdeburg.

Wo der Breite Weg flanierbar,
Damen meist schwer finanzierbar,
da liegt Magdeburg.

Wo im Klosterbergegarten
nicht nur Elfen dich erwarten,
da liegt Magdeburg.

Wo im Herrenkrug die Wiesen
machen Jockeys oft zu Riesen,
da liegt Magdeburg.

Wo Geschichte scheint verschollen,
spürbar nur für die, die’s wollen,
da liegt Magdeburg.

Wo die Schwermaschinen ruhen
und der Bötel füllt den Bauch,
da liegt’s auch.



Anomalie des Wassers 

Wenn Kufen ihre Runden drehen,
Menschen übers Wasser gehen
und Mützen schützen Kinderohren,
dann ist die Elbe zugefroren.



Die Fabel vom Kranich 

Zu später, aber milder Stunde
verbreitete sich frohe Kunde:
Drei Angler wären auf dem Wege
zum aussichtsreichen Fischerstege.
Mit im Gepäck, das heißt im Eimer,
zehn Würmer und darunter keiner,
der von seiner Zukunft wüsst‘.
Was gab es für ein großes Treiben,
am Elbegrund wollt‘ keiner bleiben.
Dutzende von Kiemenpaaren
stiegen auf zur heute klaren
Oberfläche, um zu suchen
das größte Stück vom Wurm, dem Kuchen.
Trotz besagter guter Sicht,
nichts war zu sehen vom Gericht.
Doch wie die Moral einer Fabel,
tauchte ein ins Nass‘ ein Schnabel.
Dieser fischte Fisch für Fisch
vom reich gefüllten Gabentisch.

So landete die frohe Kunde
wieder in des Kranichs Munde.




Der Clown

Sie glaubten sich frei.
 Freier als 'drüben'.
Coca-Cola und Burger
in vollen Zügen.

Nicht Isar, nicht Alster.
Kein Neckar, kein Main.
Es hat zu regieren
ein Städtchen am Rhein.

Sie kratzten an Wolken,
Walt Disneys Türme.
Funkten ins All
und ernteten Stürme.

Die Sterne am Himmel,
fünfzig zählt Sam,
formieren zur Krone
das goldene "M".

Ihr König regiert
über Teich, über Land.
Doch hinter dem Zaun
ist er bekannt
als Ronald der Clown.



Nord

Fresken dösen an den Decken,
Zitronen am türkisen Strand.
Reifen quietschen in den Gassen,
Gelato schmilzt in Kinderhand.



Seerosenstadt 

ein hundertzweigevorhang fällt
und hinter ihm ein letzter kuss.
auf ihren schultern liegen sanft
knospenköpfe bis an den fluss.

der vorhang trübt den blick zur stadt,
kein dächermeer aus roten ziegeln
erscheint am ufer an der bank,
nur plattenbauten, die sich spiegeln.

ein wasserläufer bricht die stille,
mit jedem schritt schieben kleine wellen
ruderboote an die ufer.
türkis-sauer knistern die libellen.

einsam treibt, gelöst von zöpfen,
blütenlos das rosenblatt.
erinnerungen schwimmen fort,
fort von eisenhüttenstadt.